Auf schroffem Fels
Den Pfeilen der Sonne,
Dem Hagelprassel,
Trotz´ ich, Olympier, dir.
Der wiederwachsenden Leber
Zuckende Fibern
Hackt mir des Geiers Biß
Aus klaffender Wunde.eo.

Ein Wimmern, glaubtest,
Olympier, du,
Würden die rauschenden Winde
Ins hochaufhorchende
Ohr dir tragen?
Nicht reut mich der Mensch,
Der Leben und Feuer mir dankt,
Nicht fleh´ ich Entfeßlung von dir.

Jahrhunderte will ich
Felsentrotzig durchdauern,
Jahrtausende,
Wenn dir die Lust nicht schwindet,
Wenn der Trotzende nicht
Zu glücklich dir scheint.o.

(Prometheus-Gedicht)

Prometheus, Sohn eines Titanen und einer Göttin, der den Göttervater Zeus beim Opfer betrügt und so den Menschen das ihnen von Gott entzogene Feuer wieder zurückbringt: Ein großer antiker Mythos von Rebellion und selbstbewußter Sendung ist der Stoff des 2. Gedichts, das Peter Hille – erst 23-jährig – in der Zeitschrift „Deutsche Dichtung“ publiziert. Zweifellos ein frühes programmatisches Gedicht, denn Rebellion als Auflehnung gegen starre Regeln und künstlerische Sendung zum Zweck der ethischen Erziehung des Menschen – das sind die Pole, zwischen denen sich Peter Hilles Leben ausspannt, das fast 50 Jahre währte, nämlich von 1854 bis 1904.

Historisches Foto Erwitzen

Historisches Foto Erwitzen

Am 11. September 1854 wird Hille in Erwitzen (Ortsteil von Nieheim, Kreis Höxter) geboren. Sein Vater Friedrich Hille ist zunächst Lehrer und später Rentmeister beim Freiherrn von der Borch in Holzhausen. Er ist nüchtern und zielstrebig, Hilles Mutter dagegen eine zarte und scheue Person: „Wie sie mir durch’s Haar strich, und ich wartete dann, ob nicht was übermünden wollte von ihrer mutterguten Seele auf meine Einsamkeit und früh entbronnen Sehnen“, schreibt Hille später über sie. Sicher ähnelt er ihr mehr als seinem Vater, der ihn auf viele Kutschfahrten durch die westfälischen Wälder zwischen Höxter, Detmold und Schwalenberg mitnimmt: Die „ausgedehnten Wälderrücken“ wecken die träumerische Phantasie des Kindes ebenso wie die gewaltige Abtei Corvey und die geheimnisvollen Externsteine.

Kein Wunder, daß ein schwärmerisches Kind wie Peter mit den strengen Regeln und Exerzitien der preußischen Schule zunehmend in Konflikt gerät: Sind die Grundschuljahre in Holzhausen und die Jahre auf der Selecta in Nieheim noch erfolgreich und beglückend, steigert sich auf dem Warburger Progymnasium und vollends auf dem Gymnasium Paulinum in Münster der Haß auf die geforderte Disziplin und die phantasielose Nüchternheit des Schulstoffes: Der Enge des Klassenzimmers und der Logarithmentafel entflieht Hille immer öfter mit Büchern unter dem Arm in die freie Luft der Wälder. Der Poesie und der Philosophie hat sich Hille verschrieben – alle anderen Fächer werden bedeutungslos für ihn. Er gründet mit den Freunden Julius und Heinrich Hart, die er auf dem Paulinum in Münster kennenlernt, eine Schülerzeitung mit dem vielsagenden Titel „Satrebil“ (das ist die Umkehrung der Buchstabenfolge des lateinischen Wortes „Libertas“/Freiheit) und gerät so mit der Schulleitung in schweren Konflikt. Einzig sein Deutschlehrer Buschmann erkennt Hilles Talent, schreibt aber deprimiert unter einen Aufsatz Hilles:

Lieber Hille, sie sind der begabteste meiner Schüler. Vielleicht ist ihr Aufsatz der tiefste. Ich verstehe ihn nicht immer. Aber vom Schulstandpunkt aus muß ich ein ungenügend darunter schreiben. Ich möchte nur weinen über sie. Sie haben einen, schweren, schweren Lebensweg vor sich.“

Damit ist alles gesagt: Hille wird tatsächlich vom Paulinum ohne Abitur entlassen.
Zurück in Holzhausen sucht der Vater eine ordentliche Beschäftigung für Peter und bringt ihn am Kreisgericht Höxter als Gerichtsschreiber unter: Doch die Schreibstube im Gericht ähnelt gar zu sehr dem Schulzimmer, seine Vorgesetzten sind von solcher „geistigen Enge und Philisterart“, wie Hille das nennt, daß er 1878 nach Leipzig aufbricht, um dort Vorlesungen in Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte zu hören. Er versucht, Arbeit als Korrektor und Übersetzer zu finden, doch das gelingt nicht, und so geht er 1879 nach Bremen zu seinen Schulfreunden Hart, die sich dort als Journalisten mit der Zeitschrift „Deutsche Monatsblätter“ durchzuschlagen versuchen. Hille verfaßt zahlreiche literaturgeschichtliche Essays für die Monatsblätter, deren Tendenz sehr progressiv ist und in der Heine und Grabbe lanciert werden, die zu dieser Zeit den Durchbruch noch längst nicht geschafft haben. Doch so recht ernährt die journalistische Tätigkeit Peter Hille nicht, und in dieser ungesicherten Lage trifft ihn die Nachricht vom Tod der erst 51-jährigen Mutter wie ein Schlag – nun muß Hille hinaus, frei atmen, Kind- und Jugendzeit endgültig hinter sich lassen, sich über seine künstlerische Sendung klar werden. Sein Entschluß steht fest: Mit einer kleinen Erbschaft von der Mutter in der Tasche wird er nach England aufbrechen.

London

London

1880 also der Aufbruch nach England, und dann gleich hinein ins Zentrum: nach London! Eine Stadt, in der das Leben im industriellen Massenzeitalter schon begonnen hat: Gewaltige Industrieanlagen, ein Hunger nach Arbeitskräften für eine stetig wachsende Produktion, aber auch die Slums in Whitechapel, wo Schwarze und Asiaten in großer Not und Armut leben. Hille wohnt zeitweise in diesen Armenvierteln, erlebt die bedrückende soziale und finanzielle Lage dieser Menschen, kommt mit der internationalen Arbeiterbewegung in Kontakt.

Doch London bietet ihm auch den Zutritt zum Kosmos des Wissens: Die großartige Bibliothek des Britischen Museums ist eine der bestbestückten der Welt, Hille lernt in kurzer Zeit Englisch und verschlingt die Bücher der Bibliothek nach einem festen Arbeitsplan. Dieser äußerste Kontrast zwischen der Kümmerlichkeit der menschlichen Existenz in den Slums von Whitechapel und den herausragenden kulturellen Leistungen des Menschen, niedergelegt in den zahllosen Büchern der Britischen Bibliothek, ist für das weitere Leben Hilles bestimmend: Ärmlichkeit der äußeren Existenz, aber ungeheurer innerer Reichtum, der sich im literarischen Schaffen Bahn bricht.
Begleitend entsteht ein sogenanntes „Londoner Tagebuch“, das aber gar kein Tagebuch, sondern ein buntes Sammel- und Sudelbuch ist, in dem Hille auf ca. 300 Seiten Stichworte, Aphorismen, Übersetzungsübungen und seine Alltagserfahrungen notiert: Eine Fundgrube und Keimzelle für seine spätere literarische Produktion!

Von London aus zieht Hille 1882 nach Holland, wohnt zunächst in Rotterdam, später in Amsterdam. Er gibt Sprachunterricht und schreibt Ausstellungsberichte, leidet aber sehr darunter, daß er den Durchbruch zum Dichter einfach noch nicht geschafft hat: Voller Verzweiflung notiert er: „Ich kann nicht tragisch, nicht wichtig werden, nicht byronisch beispielsweise.“ Und: „Ich erschrecke oft, daß ich so einsam bin – literarisch wehrlos.

Mit dem letzten Rest des mütterlichen Erbes versucht sich Hille als Teilhaber einer holländischen Theatergruppe durchzuschlagen – doch als auch dieses Unternehmen kläglich scheitert, macht er sich 1884 – mittellos und heruntergekommen – mit Libbeth, der 15-jährigen Tochter eines holländischen Druckers, auf zurück nach Münster, wo er seine treuen Freunde, die Brüder Hart, vermutet. Doch die sind längst in Berlin, und nachdem Hille Libbeth, die er eigentlich heiraten wollte, was aber nach deutschem Gesetz strengstens verboten war, wieder auf die Bahn nach Amsterdam gesetzt hatte, bricht auch er nach Berlin auf, der literarischen Hauptstadt des Landes. Den Kopf belesen bis zum Bersten, tausend Ideen zum Schreiben: So kommt Hille nach Berlin und wird Mitarbeiter bei der neuen Zeitschrift der Brüder Hart, den „Berliner Monatsheften für Literatur, Kritik und Theater“. Er gründet sogar eine eigene Zeitschrift „Die Völkermuse. Kritisches Schneidemühl von Peter Hille“. Doch trotz aller Anstrengungen etabliert sich die Zeitschrift nicht, sie hat gerade einmal zwei Abonnenten, einer davon ist Detlev von Liliencron, mit dem Hille seitdem eine lange Freundschaft verbindet. Nein, Berlin will Hille – noch – nicht haben, und so zieht er sich vorerst resigniert wieder nach Westfalen zurück, ins schöne Bad Pyrmont.

Enttäuscht von den Berlinern, die ihm nicht zugehört haben und seine „Völkermuse“ sterben ließen, kommt Hille in Bad Pyrmont an, wo er von 1885-1889 bleiben wird. Einige Einkünfte aus schriftstellerischer Tätigkeit erlauben ihm, in der vornehmsten Pension des Ortes abzusteigen. Hille genießt die Annehmlichkeiten und schreibt seinem Freund Heinrich Hart:
„Angekommen im wunderbar schönen, traurig schönen, etwas verblichenen Pyrmont. Wohne göttlich, erhaben-stilvoll, schwarze, rot-gepolsterte Lehnsessel, Himmelbett, Arbeits- und Schlafzimmer, Thee, Aufschnitt, Braten pp. Allerdings teuer…“
So also lebt es sich in der Pension Scholling, und so gut wie hier geht es Hille in seinem Leben kaum einmal. Das ist ein Leben als freier Schriftsteller: Keine existentiellen Sorgen und ausreichend Muße zum Lauschen nach innen, zum Schreiben. Und tatsächlich sind diese vier Pyrmonter Jahre die schriftstellerisch produktivsten: Hille schreibt nach eigenen Angaben jeden Tag nahezu 30 Seiten, und 1887 erscheint sein erster Roman „Die Sozialisten“. Er verfaßt Essays, Prosaskizzen und Erzählungen, doch Honorare aus dem Abdruck von Texten fließen nur spärlich. Vorbei also – zu schnell vorbei – schon wieder das göttliche Leben in der Pension Scholling!

1889 treibt es Hille wieder hinaus: Diesmal wendet er sich zum Süden, reist über die Schweiz – wo er dem berühmten naturalistischen Maler Arnold Böcklin und dem schweizerischen Schriftsteller Gottfried Keller begegnet – weiter nach Italien, wo er Mailand, Florenz, Rom und Pisa besucht. Doch nach weiteren drei Wanderjahren wendet er sich zunächst für ein Jahr nach Hamm und lebt bei seinem Bruder Philipp Hille, der den theologischen Doktortitel erworben hat und an der Paderborner Theologischen Akademie ein Lehramt bekleidet. Hille, der sich in dieser Zeit „Peter von Hamm“ nennt, wirkt so nachhaltig auf die Hammer Bürger, daß sie es eigentlich sind, die später veranlassen, daß viele Schriften Hilles in die Dortmunder Stadt- und Landesbibliothek gelangen und nicht verlorengehen.
Doch nach einem Jahr in Hamm zieht es Hille wieder – und diesmal endgültig – nach Berlin: Jetzt, jetzt endlich, muß doch der Durchbruch gelingen!

Die Berliner Zeit – also die Jahre von 1893 bis zu Hilles Tod 1904 – wird die menschlich und literarisch anregendste Zeit im Leben Hilles. Allerdings ist seine materielle Not anfangs so groß, daß er ohne Wohnung und Nahrung buchstäblich auf der Straße steht.
Mit wallenden Haaren, ungepflegtem Bart und einem alten, abgerissenen Mantel begegnet er den Berlinern: So wird er zum stadtbekannten Bohemien, um den sich bald Anekdoten ranken.

Peter Hille und Erich Mühsam

Peter Hille und Erich Mühsam

Nur der Unterstützung der Freunde Heinrich und Julius Hart ist es zu danken, daß Hille nicht völlig verkommt. Sie gründen mehrere Künstlergemeinschaften in Berlin, den Friedrichshagener Dichterkreis, vor allem aber die Neue Gemeinschaft am Schlachtensee, die in eigenem Haus zahlreiche Dichter, Maler und Philosophen versammelt, darunter auch so bekannte Namen wie Martin Buber, Gustav Landauer, Rudolf Steiner, Erich Mühsam und Edvard Munch. Hier hat auch Hille endlich ein Zimmer und einen festen Anlaufpunkt. Hier findet er die geistige Resonanz, die er dringend braucht. Auch wenn seine Einkünfte aus literarischer Tätigkeit eigentlich zu keiner Zeit wirklich ausreichen, einmal sorgenfrei und ohne fremde Unterstützung leben zu können, gelingt es ihm ab 1900 doch, insbesondere durch Lesungen in mit Freunden gegründeten Kabaretts ein leidliches Honorar zusammenzubringen.

Für Else Lasker-Schüler, die wohl bedeutendste Lyrikerin des 20. Jahrhunderts, wird Peter Hille zum literarischen Mentor: Hilles ungebundene Lebensart, seine tiefe Empfindsamkeit gegenüber Natur und Mensch, seine freie Religiosität, seine Hingabe an die Kunst überzeugen sie: Sie gründet mit ihm ein literarisches Kabarett unter dem Namen Teloplasma. Cabarets, Theater und Tanzaufführungen schaffen um die Jahrhundertwende in Berlin eine neue Kunstszene: Hier wird eine frische Sinnlichkeit und ein neues Körperbewusstsein erprobt. Hille steckt mitten in dieser Bewegung, doch bei seinen Lesungen achtet er immer auf gehobene Qualität: So überschreibt er sein Cabaret zum Peter Hille mit dem Motto: „Der blauen Blume fromm geweiht, und nicht Plebejerlustbarkeit“.

Else Lasker-Schüler

Else Lasker-Schüler

Else Lasker-Schüler


Peter Hille hat in seiner Berliner Zeit wohl mehr als Mensch und Dichter-Original als durch seine Schriften auf die Zeitgenossen gewirkt. Seine sensible Geistigkeit, hohe literarische Begabung und spürbare innere Würde haben auch den Freund Erich Mühsam tief beeindruckt:

Wenn irgendein Mensch, der mir begegnet ist, als Genie bezeichnet werden darf, so Peter Hille. Alle Geschichten, die man von ihm erzählt, stammen aus den Eigenschaften übrigens, die ihn als typischen Vertreter jener Boheme erkennen lassen, die unter den Wirnissen der Gegenwart verschwunden zu sein scheint. Diese Eigenschaften, deren Personifizierung Peter Hille war, sind: Leben aus der Eingebung des Augenblicks, Hingabe an Welt und Menschheit, Verbundenheit mit allen Leidenden im Wissen um Freiheit und Glück.

Peter Hille, Foto um 1903

Peter Hille, Foto um 1903

Leben aus der Eingebung des Augenblicks – das ist eine treffliche Kennzeichnung der Lebens- und Dichtweise Hilles: Spontaneität, Neigung zur Impulsivität, Hingabe an starke Impressionen: Er versucht, seine Empfindungen und Wahrnehmungen sofort und spontan ins dichterische Wort zu bringen, und so sind vor allem der Aphorismus und das Gedicht seine bevorzugten literarischen Formen. „Der Dichter muß denk-schreiben“ sagt Hille und legt den Stift so gut wie nie aus der Hand.

Anfang Mai 1904, noch nicht fünfzigjährig, erleidet der asthmatische Hille einen Schwächeanfall, stürzt schwer und stirbt am 7. Mai im Krankenhaus an den Folgen. So wie der Geier die Leber des Prometheus, so haben die ständigen Entbehrungen Hilles Körper zu sehr verwundet, daß er nicht länger standhalten konnte. Jedenfalls nicht sein Körper – sein literarisches Werk aber, ganz ausdrücklich zur Vergeistigung, ja ethischen Hebung seiner Mitmenschen geschrieben, hat Bestand: „Weltbeglücker“ ist das Wort, das Hille in seiner Prosaskizze „Höhenstrolch“ (s. unten) für sich selbst findet, eine Kennzeichnung, die natürlich an die prometheische Sendung erinnert.

Höhenstrolch

Ein großer Lump schreitet durch die Himmel.
Seine gewaltigen Kniee verlieren sich in
strahlendem Glanz:
Aus allen Taschen muß es fallen, aus allen zerrissen hängenden Taschen.
Und der lallende Schritt in schreienden Schuhen, stark
und fröhlich singt er weiter.
Und alle Gassenjungen der weiten Welt – in grinsend
kichernder Freude, – lautlos schlau, sammeln die
goldene Ernte hinter diesem verwahrlosten Schreiten!
Was für ein Lump: der Weltbeglücker.