Stimmen zu Peter Hille

Peter Hille war ein ruheloser Wanderer, oder, wie Heinrich Hart einmal sagte, ein „fahrender Scholar“, und so blieb es nicht aus, daß er vielen Schriftstellern, Kritikern und anderen, mit dem „Literaturbetrieb“ verbundenen Personen begegnete. Die nun folgenden Stimmen und Einschätzungen Peter Hilles sollen die nachhaltige Wirkung, aber auch die Schwierigkeiten einer Einordnung seiner Person und seines dichterischen Werks dokumentieren. Zunächst kommen befreundete Schriftsteller zu Wort, die die geradezu magische Wirkung, die Peter Hille auf sie ausübte, nachdrücklich bezeugen: Else Lasker-Schüler, die Peter Hille wie einen Heiligen verehrte und ihn in ihrem Peter-Hille-Buch „Petrus“ nannte, Detlev von Liliencron, der nicht müde wird, aus dem hohen Norden enthusiastisch das Geniale Hilles zu rühmen und Erich Mühsam, der in Berlin ebenso wie die Brüder Hart seine helfende Hand über Hille hielt. Sie alle zeigen sich zutiefst beeindruckt von der hohen Geistigkeit und Menschlichkeit, aber auch Verträumtheit, kindlichen Unbekümmertheit und Naturverbundenheit Hilles.

Viele Schriftsteller haben die Gestalt Peter Hilles in ihre dichterischen Werken eingearbeitet, etwa Gerhart Hauptmann in seinen Roman „Der Narr in Christo Emanuel Quint“ oder auch Otto Julius Bierbaum in seinen Roman „Stilpe“. Auch in der Erzählung „Der fremde Hund“ von Wilhelm Schäfer wie der Tragikömödie „Das Lumpengesindel“ Ernst von Wolzogens begegnen wir der literarisierten Gestalt Peter Hilles.

Else Lasker-Schüler

Peter Hille war einer der auserlesenen Gäste dieser Welt; wohin sein Herz sich wandte, ordneten sich Unebenheiten. Sein Erschienen schloß Versöhnung in sich. Ein weit gewaltigeres, umfassenderes Wunder, als das begrenzte Wunder. […] Ich liebte es, wenn die Menschen, selbst die Freunde, wie ich es tat, vor Peter Hille auf einer Marmorstufe verharrten. Der liebreiche Dichter Peter Baum und ich bekränzten ihn. Gerhart Hauptmann strahlte wie ein beschenkter Knabe, als Peter Hille ihn besuchte, Weihnachten trat in sein Zimmer. – Peter Hille sprach wenig, aber schon ein einziges Wort aus seinem Munde erzählte eine ganze Erzählung, war eine Weihsagung, ein Segen, eine Dichtung, eine Feuerrose, aber auch ein Wetter, ein Sommer, ein ganzer blauer Himmel.

(Else Lasker-Schüler in: Die Sendung, Nr. 18, 1929) 

PETRUS DER FELSEN

Ich war aus der Stadt geflohen und sank erschöpft vor einem Felsen nieder und rastete einen Tropfen Leben lang, der war tiefer als tausend Jahre. Und eine Stimme riß sich vom Gipfel des Felsens los und rief: „Was geizt du mit dir!“ Und ich schlug mein Auge empor und blühte auf, und mich herzte ein Glück, das mich auserlas. Und vom Gestein zur Erde stieg ein Mann mit hartem Bart- und Haupthaar, aber seine Augen waren samtne Hügel. Und kleine Kobolde klet­terten über seinen Rücken und beklopften ihn mit ihren Hämmerchen und nannten ihn Petrus. Und wir stiegen ins Tal hinab, und der Mann mit dem harten Bart- und Haupthaar fragte mich, von wo ich käme – aber ich schwieg; die Nacht hatte meine Wege ausgelöscht, auch konnte ich mich nicht auf meinen Namen besinnen, heulende hungrige Norde hatten ihn zerrissen. Und der mit dem Felsennamen nannte mich Tino. Und ich küßte den Glanz seiner gemeißelten Hand und ging ihm zur Seite.

(Else Lasker-Schüler, Das Peter-Hille-Buch, Berlin 1906) 

PETRUS ERINNERT MICH

„Nun sind wir ein Sternenleben zusammen gewandert“, erinnerte mich Petrus – „und du hast mir nie meinen Namen genannt.“ Und ich sagte: „Jeder Nachtwolke, jedem Tage habe ich Deinen Namen genannt, und die Sonne hat ihm einen Altar gestickt … und einmal wird mich ein Leben Menschen wie Mauern umschließen, die Deinen Namen hören wollen.

Und meine Stimme wird ein Ozean sein. Du heißt, wie die Welt heißt!“ Petrus nickte, und als ich zu ihm aufsah, strahlten unzählige Firmamente aus seinem Angesicht, und es war grenzenlos, und ich mußte mich abwenden, um nicht blind zu werden. Aber ich fühlte meine Kraft, die sich losstieß, und ich bäumte mich und streckte mich, und meine Augen blieben weit vor all der Majestät.

(Else Lasker-Schüler, Das Peter-Hille-Buch, Berlin 1906)

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Detlev von Liliencron

Hochverehrter Herr Hofbuchhändler!

Denken Sie, wer mich besuchte: Peter Hille. Ein unendlich bescheidener, liebenswürdiger, feiner, prächtiger, kindlicher Mensch. Überall hatte er seine Papierlappen und schrieb und schrieb und schrieb. Er hat mir beim Abschied versprechen müssen:

  1. Sich in Sonetten, Stanzen, Terzinen p.p. zu üben.
  2. Immer ruhiges, klares, schönes Deutsch zu schreiben, keine Überhaspelung.
  3. Kampf gegen das Fremdwort.
  4. Einen Plan zur Zeit nur durchzuführen und nicht zugleich an hunderten zu arbeiten.

Gelingt ihm das, so ist er durch; denn ich halte ihn für ein Genie, das sich nur noch nicht in sich vereinigen (- konzentrieren -) kann… Wie gesagt, seine persönliche Erscheinung war mir wie die eines alten, urtreu bewährten Freundes.

(Detlev von Liliencron an den Verleger Wilhelm Friedrich, 13. Juni 1887) 


[…] Weißt Du, daß ich einen Haß auf mein Volk habe jetzt. Peter Hille, der geistvollsteDichter der Jetztzeit, stirbt zur Zeit aus Hunger und weil er keine Sohlen mehr hat; sich erkältet deshalb, Blut spuckt: und sein Volk, ja dieses Skat- und Biervolk läßt ihn höhnisch sterben. I Gitt, i Gitt, i Gitt—

(Detlev von Liliencron an Hermann Heiberg,20. Januar 1889)

Erich Mühsam

„Über“ Peter Hille etwas zu sagen, ist sehr schwer. Am liebsten nähme ich den lieben alten Kerl her, stellte ihn auf den Tisch und sagte: Das ist Peter Hille! – Dann würde jeder wissen, was mit ihm los ist.

Ein Mägdelein wollte einmal von mir eine Definition des Kusses. Ich gab ihm einen, und es wußte genau Bescheid.

Peter Hille also – na, Peter Hille ist Peter Hille. Zum Teufel! Wollt ihr noch mehr wissen?

Was ist Liebe? Liebe ist, wenn man – Ach was! Liebe ist Liebe! Ein Kuß ist ein Kuß! Und Peter Hille ist Peter Hille!

Alle Montag abend bei Dalbelli in der Königin-Augusta-Straße sieht man ihn. Da steht er und durchblättert seine Manuskripte.

Seine Hände sind klein, wie die eines Kindes, durchsichtig wie die einer Prinzessin und beredt wie die eines Künstlers und Weisen.

Seine Augen träumen von einem Himmel auf Erden, und seine Stirn ist so rein, wie nur die Stirn eines Dichters sein kann.

Was er dichtet, ist der Traum seiner Augen: er dichtet den Himmel auf die Erde. Was für ein weises Kind muß dieser Dichter sein! –

(Erich Mühsam: Peter Hille, in: Das neue Magazin für Literatur, Kunst und soziales Leben, hg. v. R. Schickele, 73. Jg., H. 21, Berlin 1904) 

Wir waren zusammen im Lesezimmer der Neuen Gemeinschaft. Peter Hille hatte sein Notizbuch vor sich liegen und den Bleistift in der Hand. Der Kopf lag ihm schwer auf der Brust. Nach langem Schweigen blickte er plötzlich auf, legte die Hand feierlich auf den Tisch und sagte ernst und stark: Eben habe ich den Sinn meines Lebens gefunden. Ich bin, also ist Schönheit.

(Erich Mühsam in: Die Zukunft, Bd. 64, Berlin 1908, S. 300)

Von der Anspruchslosigkeit Peter Hilles, aber auch seinem Mitgefühl für andere Geschöpfe berichtet Kurt Tucholsky in einer Anekdote, die er über Hille gelesen hat:

Kurt Tucholsky

Ich habe eine wunderherrliche Geschichte von dem Dichter Peter Hille gelesen, der das war, was die Else Lasker gern sein möchte. Er ging einmal ganz arm und frierend auf einem Landweg durchs Westfälische oder am Rhein, ohne einen Pfennig Geld, und da ist ihm ein Hund zugelaufen, der war genauso heimatlos wie er. Und den hat er ruhig mitgehen lassen und lange nachgedacht im Schnee, wie es so alles ist. Und da ist ein Auto gekommen, darin saß ein Maler, der mußte, weil weder Hille noch der Hund aufpaßten, den Hund überfahren, denn sonst hätte er den Mann überfahren. Und da ist er ausgestiegen, und hat dem Hille 50 Mark in die Hand gedrückt, aus Mitleid, er hielt ihn für einen Bettler, und weil der Hille, der noch ganz versonnen war, so merkwürdig geguckt hat, hat er ihm noch fünfzig gegeben, und dann ist er abgefahren. Und der Hille hat den toten Hund angesehn und das Geld und das davonfahrende Auto, und dann hat er die 100 Mark genommen und hat sie dem Hund unter den Kopf gelegt und ist weitergegangen.

(Kurt Tucholsky: Briefe aus dem Schweigen 1932-1953, Reinbek 1977)

Das unstete Wanderleben Hilles wie auch sein Dichten aus „der Eingebung des Augenblicks“ ließen umfangreiche, in Struktur und Stil ausgefeilte Dichtungen nicht zu. Natürlich blieb dies den Zeitgenossen nicht verborgen:

Otto Julius Bierbaum

Was die meisten Dichter zu wenig haben, hat er zu viel: Gehirn.

Und ist dennoch gar nicht klug. Man möchte fast sagen, er ist ein Genie. Aber was heißt das: ein Genie ohne Form? Das gibt höchstens einen Propheten. Aber selbst dazu ist er zu verrückt. Sagen wir: er ist eine Wolke, oder, etwas gröber gesprochen, ein Quatschkopf, ein geniales Rührei, eine – Seele.

Die Deutschen kennen ihn nicht, und, wenn sie ihn kennten, würden sie sich wieder einmal die Bäuche halten vor Lachen.

In der Tat: ein Kerl zum schief lachen! Wirklich, meine Herrschaften: ein Heiliger lebt unter euch, ein Asket und Narr, ein Weiser und ein Vagabund, einer, der innerlich in allen Zungen redet, aber doch nur lallen kann, ein Wahnsinniger, der unendliche Reichtümer hat und vor den Garküchen bettelt, ein gutes drolliges Kind, das plötzlich psalmodiert.

(Otto Julius Bierbaum unter dem Pseudonym Martin Möbius in: Steckbriefe, erlassen hinter dreißig literarischen Übeltätern…, Berlin und Leipzig 1900) 

Die Zeit der Wende des 19. auf das 20. Jahrhundert ist geprägt von einer raschen Abfolge, ja Durchdringung unterschiedlicher literarischer Stile: Realismus, Naturalismus, Impressionismus, Expressionismus – die Schreibweise der Schriftsteller wird unkonventioneller, individualistischer; mit den rasanten technischen und industriellen Innovationen zerbrechen nicht nur gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen, sondern auch literarische Normen. Wie vor diesem Hintergrund Hilles Dichtung einzuordnen ist, damit beschäftigen sich die folgenden Stimmen: 

Johannes Schlaf

Und doch verdient er es wirklich, auch einem größeren Publikum nachgerade vorgestellt zu werden. Denn mag man über seinen ‚Hemdkragen’ denken, wie man will: immerhin ist er mit Hermann Conradi das stärkste, unmittelbarste, hervorragendste Talent jener neuen Anfänge der achtziger Jahre und besaß mit diesem den genialen Instinkt für die Richtung,, nach der sich die literarische Entwicklung in der Folgezeit vorwärts bewegen sollte; diese Richtung entfernte sich aber gar bald von den einseitigen Sympathien für den vierten Stand und die sozialistische Bewegung, wie sie damals von Holz und Henkell vertreten wurde, und lenkte in die bedeutsameren Bahnen des Nietzscheschen ethischen Individualismus ein.

(Johannes Schlaf: Ein deutscher Bohemien, in: Zeitgeist Nr. 16, 1902)

Samuel Lublinski

Aber er ist zugleich und vor allem Gemütsrealist und Gemütsmystiker. […] Auch die Natur sieht er in solchem Gemütslicht, und der Wald zum Beispiel ist für ihn in einem seiner schönsten Gedichte ein wunderlicher Gesell, ein lauschiger Träumer. Er besitzt eine starke und elementarische urgesunde Sinnlichkeit, und so wird auch das Sinnen- und Geschlechtsleben bei ihm zur Lebensäußerung einer tölpelhaft großartigen Gemütsnatur, etwa eines naiven und herzlichen Riesen. Es ist ungefähr, wie wenn Böcklin das Meer oder Wald und Fels ganz und gar in gemütvolle halbtierische Ungetüme übersetzt. Hille verehrt in Böcklin ein hohes Vorbild und hat ihm in einem beinah kongenialen Gedicht ein würdiges Denkmal der Verehrung gestiftet. Aber Hille ist noch weit mehr Mystiker als Künstler, und sein Ehrgeiz geht dahin, zum „Weltgemüt“ heranzureifen. Wenn man sich einen alten Poseidon träumen möchte, der vom winzigsten Seestern und Polypen bis zum Hai und Walfisch alle die wimmelnden Lebewesen seines Reiches mit gleicher Herzlichkeit und Duzbrüderschaft umfängt, so wäre das schon ein unendlicher und unmöglicher Traum. Peter Hille aber möchte in dieser Weise überhaupt alles erleben, was am Himmel und auf Erden und im bunten, tollen Menschenleben vor sich geht. […]

Hille, dieser Gemütsmystiker, ist eben ganz und gar kein Stilkünstler. Aber ganz gewiß ist er ein Dichter, und manchmal ein großer Dichter, und in solchen Momenten wird unter seinen Händen alles zu lauterem Gold.

(Samuel Lublinski: Die Bilanz der Moderne, 1904)

Heinrich Hart war der brüderliche Freund aus den Münsteraner Schultagen, der Hille ein Leben lang begleitet hat. Im Blick des Freundes verklärt sich sicherlich mancher Zug Hilles, aber als Freund vermag er auch tiefer, ja unbestechlicher ins Innere Peter Hilles zu schauen. Er schreibt in seiner unmittelbar nach Hilles Tod erschienenen Biographie:

Heinrich Hart

Es wäre nun meine Pflicht, darüber nachzudenken, welchen Platz in der Literaturgeschichte Peter Hille zu beanspruchen hat, unter welcher literarischen Rubrik er am besten unterzubringen ist. Aber Pflicht hin, Pflicht her. Über die Frage mögen sich andre den Kopf zerbrechen. Vielleicht erinnert Peter in diesem oder jenem Stück an Hamann den Magus, an Jean Paul, oder an Grabbe, Hölderlin, Shelley. Aber als Ganzes war er eben Peter Hille, ein Selbst für sich, so eigenartig wie nur je eins war. Literatenhaftes hatte er nichts an sich. Er gehörte nicht zu den Talentlein, die wie geprägte Münzen genau nach Metall- und Tauschwert abzuschätzen sind. Er war ein Stück Natur, wie die Natur selbst; alles war in ihm wie in ihr, Himmel und Erde, Berg und Tal, Wiese und Wüste, Schluchten und Klüfte, Geröll und Gold. Wer nach dem Gold. verlangt, das in ihm ist, der muss es sich erschürfen. Und wenn ihm ernstlich daran liegt, wird er ganz andre Haufen zusammenbringen, als in so einer geprägten Münze enthalten ist. […]

Peter Hille ist durch das Leben gegangen als ein Welt- und Gottestrunkener, als ein Feiertagsmensch, der vom Werktag kaum berührt wurde. Er war ein heimloser Zigeuner, und deshalb durfte er ein Bohémien heissen. Aber er war es nicht in dem Sinne, wie es die meisten sind. Sein Äusseres war das eines kynischen Philosophen, doch nie hat er an Schmutz und Unsauberkeit Gefallen gefunden, er hatte weit eher Neigung für das Aristokratische und Vornehme. […]

Viele, die ihn nicht näher kannten, bemitleideten und bedauerten den armen, besitzlosen Kerl. Ihn, der reicher war, als sie alle. Ihn, der kurz vor dein Tode einem Weiblein, das ihn Trost zusprechen wollte, erwidern durfte: „Warum trösten Sie mich? Einmal im Leben darf es mir doch auch schlecht gehen.“

Er war ein Gotteskind, dem das Leid niemals mehr als den Finger netzen konnte. In allem sah er das Göttliche, und deshalb war ihm auch die Welt mit all ihren Genüssen und Freuden ein rechter Gottestisch, an dem er es sich nach Kräften wohl sein liess. Ein Gotteskind und ein Weltkind zugleich, ein Erzpriester, ein Erzpoet und ein Erzzecher.

(Heinrich Hart, Peter Hille, Berlin und Leipzig 1904)

Marcel Brion

Seine Dichtung zeigte die gleichen Züge wie sein Wesen. Sie ist chaotisch, kapriziös, phantastisch und spontan wie sein eigenes Leben. Selten sind Werk und Mensch einander so ähnlich. Seine Gedichte vermitteln mit ihrem Reichtum an Anspielungen und Suggestionen eine außergewöhnliche Frische, Kraft der Zärtlichkeit und Sensibilität, natürliches und intuitives Einfühlungsvermögen. All dies verleiht ihnen Schönheit und eine ungemein anziehende Ursprünglichkeit. […]

Aber vielleicht erkennen wir doch die großartigste Originalität Peter Hilles in seinen Aphorismen. Reich an tiefen Kennzeichnungen unter dem Anschein des Paradoxen, an verblüffenden Knappheiten, Gefühlsverbindungen, ungewöhnlich dichten, ja prophetischen Gedanken, erinnern sie uns nicht selten an Erleuchtungen der Vorsokratiker und an die deutschen Mystiker des Mittelalters.

(Marcel Brion: Peter Hille, in: Revue d’Allemagne, Paris 1930)

Paul Ernst

Hille und Gött hatten manche Ähnlichkeit miteinander. Ich habe sie beide gekannt und viel Sympathie für sie gehabt. Aber wer hätte für die Beiden wohl nicht Sympathie gehabt? Das war ein schlimmes Zeichen für sie, denn in der Literatur herrscht der erbarmungsloseste Kampf ums Dasein, und wer allgemein geliebt wird, der muß auch allgemeinem, instinktivem Urteil ungefährlich sein.

Der Vorwurf, den man den Zeitgenossen über sie macht, ist gänzlich unbegründet. Hille hat sich nie genügend konzentrieren können, um auch nur ein Werk, und sei es noch so klein, nur ein einziges, kurzes Gedicht, ganz vollendet zu machen. Er hat nur Fragmente hinterlassen, und wo scheinbar ein Zusammenhang hergestellt ist, da sind nur poetische Fragmente durch prosaische Sätze verbunden. Das sind Arbeiten, welche andere Dichter verstehen und schätzen können; aber es sind keine Werke, welche Anspruch auf Beachtung durch die Nation erheben dürfen.

Die lyrische Begabung in diesen Fragmenten ist oft sehr groß, und wenn es nur auf das Gefühl ankäme, so wäre Hille der erste Dichter seiner Zeitgenossen.

(Paul Ernst: Gescheiterte Dichter, in: Völker und Zeiten im Spiegel ihrer Dichtung. Aufsätze zur deutschen Literatur, hg. v. A. Kutzbach, München 1942. Der Aufsatz wurde bereits 1915 geschrieben)

Adolf Knoblauch

Hille war das seelische Zentrum, die Seele selbst des Impressionismus. Er ist ganz gewiß für eine andere Zeit nicht denkbar, und die überaus reizbare Kritik, die Hille in seinen Aphorismen an den Zeitgenossen ausübt, wäre das beste Zeichen für das verhaltene Feuer in seinem Innern […].

[…]

Diese Sprache ist in der Tat fähig, auch die allerentschwindendste Nuance, die zarteste Seelenbewegung, das Blicken eines Auges in aller Frische des augenblicklichen Eindrucks nachzuschreiben. Hier ist „Vergegenwärtigungskraft“, wie M. von Weber diese impressionistische Eigenschaft neuerer Dichter genannt hat, zu ihrer feinsten Form gediehen. […]

Hille ist es gelungen, die Dinge und Menschen und Seelen unendlich durchsichtig zu machen und in wenigen Worten ihre geistigen Lineamente zu zeichnen.

(Adolf Knoblauch: Peter Hille, in: Weltliteratur der Gegenwart. Band Deutschland, I. Teil. Hg. v. L. Marcuse et al., Berlin-Leipzig-Wien-Bern 1924)

Ein kongeniales, Existenz und Dichtung Hilles in besonderer Weise treffend charakterisierendes Gedicht hat der Lyriker Wulf Kirsten geschrieben, das hier an den Schluß gesetzt sei.

Wulf Kirsten

PETER HILLE

moosgrün ausgeschlagne träume mit dickem bismarckstift

ins cassabuch gekliert.eine niedergeschmetterte weltstimme

mundverstummt im bettelgewand. sternennächte unter freiem himmel

in tropfenüberglänzten laubgewölben. der wind flockt distelwolle

auf die lagerstatt. aus feuerfanfaren verzuckt das knistergold

wiedergefundenen lichts, das von regenzerfurchten bergen rollt.

„leben soll kommen.“ die erste ackerlerche steigt:

querweltein stapft wortberauscht durch schwalbenschnee und blütenschneisen

ein selbsterhalter leibeignen erdleids, merlin als fahrender schüler,

kindverwandt in schattenloser zuversicht. der lebenslauf des pilgrims funkelt

aphoristisch auf von tausend fetzen, penibel gehortet in zettelsäcken,

expreßgut von überall und nirgendwo ins kritische Schneidemühl. „leuchtend wird im lied das leid.“

(Erstveröffentlichung zu Weihnachten 1991 im Privatdruck)