Peter Hille war kein Thomas Mann, kein Stefan George, die ihr dichterisches Werk sorgfältig bearbeitet und geordnet der Nachwelt hinterließen. Hille war in dieser Hinsicht völlig unordentlich, er schrieb, wo immer er konnte, und er hat diese Papiere, manchmal buchstäblich nur Fetzen, überall verstreut und liegengelassen, denn »aus allen zerrissen hängenden Taschen« sollte die »goldene Ernte« ja fallen! Er hat auch nicht an Texten gefeilt, sorgfältig verschiedene Fassungen gesammelt und gegeneinander abgewogen; mitunter hat man den Eindruck, als interessierten ihn die Texte, kaum das sie niedergeschrieben waren, nicht mehr, als sei ihr „Wert“ mit der Verschriftlichung für ihn erloschen, der Flug seiner Gedanken schon wieder an einer ganz anderen Stelle. Es muß vermutet werden, daß ganze Manuskriptsäcke Hilles auf den verschiedenen Stationen seines Lebens verlorengingen.

Nur einmal hat Hille angesetzt, so etwas wie eine Sammlung von Gedichten zusammenzustellen, die „Blätter vom fünfzigjährigen Baum“. Ansonsten sahen sich die Editoren vor einer Fülle von Texten, die an verschiedenen Orten als oft undatierte Handschriften lagerten. Die Editoren haben daher zwei Wege der Herausgabe Hillescher Werke eingeschlagen: den nach Gattungen und den nach Themen. Natürlich ist dies bei der eben geschilderten Lage des Hilleschen Nachlasses zulässig, die Leser müssen sich nur gewärtig halten, daß alle diese Anordnungen nicht auf Hille selbst zurückgehen und daß alle so vorgenommenen Kompilationen Hillescher Texte möglicherweise zu intertextuellen Verknüpfungen und Verbindungen verleiten, die eben nicht von Hille, sondern vom jeweiligen Herausgeber gestiftet sind.

Bereits ein Jahr nach seinem frühen Tod bringen die Brüder Hart eine vierbändige Werkausgabe Hilles auf den Markt, die 1916 und 1921 in einbändiger Gestalt Neuauflagen erfährt. Dazu erscheint von Heinrich Hart eine noch heute lesenswerte Hille-Monographie. In diesen Jahren erscheint bei Reclam eine Auswahl von Hilles Aphorismen und im Insel-Verlag sein „Mysterium Jesu“. Zumindest in Liebhaberkreisen lebt die Erinnerung an den Dichtervaganten weiter, die in vielen Gedenkaufsätzen schriftlichen Niederschlag findet. 1912 gründet Ewald Reincke in Dortmund einen „Hille-Bund“, der bis 1933 besteht.

Hilles westfälische Freunde, zu denen insbesondere Ludwig Schröder und Wilhelm Uhlmann-Bix­terheide zählen, verschaffen ihm regionale Aufmerksamkeit. Die Stadtbücherei und spätere Landesbibliothek Dortmund wird ab 1924 zur zentralen Sammelstelle aller noch auf­findbaren Autographen Hilles.

In Ostwestfalen nimmt sich Ende der zwanziger Jahre Alois Vogedes der Sammlung seines Werks und Pflege seines Nachruhms an. Als Journalist nutzt er seine Verbindungen und veröffentlicht Aufsätze über Peter Hille im ganzen deutschen Sprachgebiet.

Als 1938 der Paderborner Publizist Hermann Tölle dafür sorgt, daß Hille ein Ehrengrab auf einem Berliner Friedhof erhält, regt sich der ideologische Argwohn der damals Mächtigen. Das Propaganda-Ministerium erklärt: „Hille hatte viele jü­dische Jünger. Propagierung des Schaffens Hilles uner­wünscht. Vertreter einer gewesenen Epoche, für die keinerlei Interesse mehr vorliegt.“ Nun verschwindet der Name Hilles fast ganz aus der Literaturgeschichtsschreibung, die ihn bis dahin bereits eher ephemer behandelt hat. Nach dem Krieg erscheint eine eingehende Hille-Monographie von Alois Vogedes bei Schöningh (Paderborn), und auch Hans Dieter Schwarze und Jürgen P. Wallmann knüpfen biogra­phisch bzw. in Form einer Anthologie an die westfälische Erinnerungspflege an. Der Frankfurter Schriftsteller Emerich Reeck erstellt in aller Stille die gründlichste und vollständigste Bibliographie zur Primär- und Sekundärliteratur Hilles und eine zwar notgedrungen lückenhafte, jedoch sorgfältige Hille­Chronologie, die später für die Hille-Forschung von Bedeutung werden. Um diese Zeit liegen auch bereits vier Dissertationen (G. Weigert, E. Timmermann, W. Pfannmüller, A. Brinkmann) vor, denen später zwei weitere (F. Ghiselli, B. Pohlmann) folgen.

Franz Glunz (Höxter), im Besitz wertvoller Hille-Hinterlassenschaften aus dem Nachlaß von Wilhelm Oeke, verfaßt eine Hille-Biographie, die sich durch besondere Zuverlässigkeit auszeichnet. Er vermittelt ferner das Basis­material und Basiswissen für nachfolgende Hille-Forschungen an-der Universität Paderborn.

Parallel dazu kommt es zu einer geradezu beachtlichen Hille-­Rezeption in der ehemaligen DDR. Der Naturalismus-Forscher Rüdiger Bernhardt gibt bei Reclam (Leipzig) eine Hille-Anthologie heraus, die zum rasch verkauften Bestseller wird und deshalb zwei Neuauflagen erfährt. Dazu veröffentlicht er bei Kiepenheuer eine Sammlung von Hille-Essays. Die Leser im anderen Teil Deutschlands spüren, daß Hille das Individuelle gegen das Kollektivistische verteidigt, und so wird – nach Bernhardts eigenen Worten – die Reclam­-Anthologie bald zur „Bibel des Prenzlauer Bergs“, Peter Hille zur Identifikationsfigur für gelebten Individualismus. Es ist gewiß kein Zufall, daß die jüngsten Wiederveröffentlichungen aus Hilles Werk in Leipzig und Berlin erschienen sind.

In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts legt Friedrich Kienecker eine sechsbändige Werkausgabe Hilles vor, die gegenüber der Hartschen Edition fast doppelt so viele Texte des Dichters zu­gänglich macht. Der Veröffentlichung ist eine vieljährige sehr mühsame Suche und noch mühsamere Entzifferungsbemühung seiner Studenten an der Paderborner Universität voraus­gegangen.

Rüdiger Bernhardt publiziert im Jahr 2004, dem Jahr des 100. Todestages Peter Hilles, eine umfangreiche Biographie des Dichters  unter dem Titel: „‚Ich bestimme mich selbst‘. Das traurige Leben des glücklichen Peter Hille (1854-1904)“ (Jena 2004).

Seit 2004 gibt es an der Universität Paderborn wieder eine Peter-Hille-Forschungsstelle, die in enger Kooperation mit der Literaturkommission Westfalen arbeitet. Aus dieser Forschungsstelle ging 2007 eine von Walter Gödden herausgegebene zweibändige Ausgabe der „Werke zu Lebzeiten“ Peter Hilles hervor, in der in chronologischer Folge die zu Lebzeiten Hilles publizierten Werke abgedruckt sind.

Außerdem erschienen unter der Herausgeberschaft von Cornelia Ilbrig  zwei umfangreiche Bände zur Rezeption Hilles unter dem Titel:
„Peter Hille im Urteil seiner Zeitgenossen und Kritiker.
Rezeptionszeugnisse Peter Hilles“ (Bielefeld 2007).

Im April 2005 fand eine internationale Tagung zu Peter Hille und Else Lasker-Schüler statt, die, vermehrt um Beiträge aus der Forschungsstelle, in folgendem Band dokumentiert ist:
„Prophet und Prinzessin. Peter Hille und Else Lasker-Schüler“, herausgegeben von Walter Gödden und Michael Kienecker (Bielefeld 2006).