Literatur und Leben –

natürlich gibt es da immer eine Beziehung, aber: Kann eine literarische Gattung in besonderer Weise der literarische Spiegel einer menschlichen Existenz, einer Denk- und Lebensweise sein? Im Falle Peter Hilles will es ganz so scheinen. Hilles Aphorismen haben mehr als alle übrigen Gestaltungsformen seiner dichterischen Wirksamkeit das Bild des Dichters im Bewusstsein seiner Zeit geprägt. Hille schreibt:

„Alle Einfälle möchte ich in den Vorzügen ihrer Ursprünglichkeit erledigen; ein Verlust oder Vergessen in dieser Hinsicht ist das größte Unglück, das ich kenne, mein geistiges Übel.“

Und:

„Wir sind angekommen im Lakonismus der Stimmung. Die Andeutung hat ihre Klassizität erreicht: Der Aphorismus blitzt.“

Aphorismen

  • Dichten, wie ichs verstehe, heißt nicht schöne Worte, heißt schönes Leben machen.
  • Programm habe ich nicht. Die Welt hat auch keins.
  • Ich bin, also ist Schönheit.
  • Der Dichter ist das Erzeugnis und der Gegner seiner Zeit im Sinn der Zukunft.
  • Dichter, bist du ein Pedant! Welches Gewitter registriert seine Blitze!
  • Der Humor ist der Modelleur der Welt.
  • Weltanschauung? Erst mußt du klar sein, dann siehst du die Welt klar. Von Gott aus glättest du die Welt so ruhig, so schlicht, so ganz wie die Sonne die Dunkelheit der Erde entfaltet.
  • Gott will nicht die Verstümmelung, sondern die Vollendung unseres Wesens.
  • Katechismus! Eine gelehrte Religion ist an sich verdächtig.
  • Ich komme von den Sternen und bringe den Weiheduft der Unendlichkeit mit.
  • Der neue Adam!
  • Über mir nichts als Gottes freier Himmel.
  • Und unter mir die fruchtbar schöne Erde.
  • Wie schön ist es, Mensch zu sein – oder zu werden.
  • Eine Seele ohne Zwang ist auch ohne Laster.
  • Es ist schlimm, wenn der Mann der Vater seiner Frau wird.
  • Nichts so dumm als geistreich sein.
  • Seit ich Musik höre, weiß ich, daß ich unsterblich bin.
  • Was ein Streber werden will, krümmt sich beizeiten.
  • Selig sind die Rücksichtslosen, denn sie werden das Erdreich besitzen.
  • Regen: Ist das hienieden ein Jammertal! Auch der Himmel weint, wenn er auf die Erde kommt.
  • Wollt ihr, daß das Gute über das Böse herrsche, so stellt es üppiger dar.
  • Duft und Farbe küßten sich, und es ward die Blume.
    Die Farben umarmten sich, da stand der Regenbogen.

Gedichte

Baum

In den Himmel greifen und wachsen,
Erde ziehen und schwellend fühlen
Treue Bitternis
Saftatmenden Bodens.

Schmetterling  

Steigen
Und neigen,
Schwingenatmend
In Sonne ruhen,
In Farben spielen
Und alle Blumen
In sich fühlen.

Maienfrühe

Der Sonne Geburtstag
(Bei Goslar)

Die Schieferdächer zottig und breit,
Noch wacht kein einzig Haus,
Zartklare Gegend und Einsamkeit
Da jubelt ein Vöglein sich aus.

Die Sonne zu grüßen, so steigt es hinan
in reiner und reineres Blau,
Bis man es nicht mehr sehen kann,
Nun jubelt die Himmelsau.

Die Schieferdächer zottig und lang,
Schroff ragt ein Berg einher,
Die Mondsichel zart und morgenbang,
Da Wolkenfleisch, blühend und schwer.

Die Lerche hat die Sonne gesehn
Und sinkt nun wieder zu Tal,
Das hören die Morgenwind und wehn,
Froh glühen die Wölklein zumal.

Kirschbäume stehn und richten sich aus
Und schauen stumm sich um,
Wie Kinder stehn mit Spruch und Strauß
So köstlich blöd und dumm.

Siehe, da blitzt es freudig erhellt,
Da hebt es sich und steigt,
Das liebeleuchtende Antlitz der Welt,
Und unsere Seele schweigt.

Kind

Süßer Schwindel schlägt hinüber,
Heiße Blicke gehen über,
Und ein neues Leben rinnt.
Unserer Liebe starke Wonnen
Sammelt ein als frohe Sonnen
In die Himmel seiner Augen
Unser Kind.

Die Schaumgeborene

Flocken
Und Locken,
Korallen
Und Lallen,
Spritzendes Tuscheln
In errötende Muscheln,
Rosenschein
In die schäumende Wiege hinein.
”Ich bin da, ich bin da!”
Und das Meer ganz von Sinnen
Weiß nicht, was vor lauter Jauchzen
beginnen. ”Ich bin da, ich bin da!”
Bittende Wellen
Langen und schwellen:
”Ich bin da, ich bin da!”